Tempelhof-Schöneberg: Intercultural Working LAB

12.01.2021

Das berufliche Heldentum motivierter zugewanderter Frauen in Deutschland.


Im Rollkoffer ein Wörterbuch, eine warme Jacke, ein paar Kontaktadressen, einige Familienerinnerungen, vielleicht ein Brief des Liebsten und viel Raum für Neues. Mit Respekt vor dem Ungewissen und zuversichtlichen Träume zugleich. So beginnt das Integrationsabenteuer vieler spanischsprechender zugewanderter Frauen in Deutschland.

Das Land, für das die zukünftigen Arbeitsnehmerinnen ihr Heimatland zurücklassen, ist ein Land großer Herausforderungen und komplexer kultureller Kodierungen, aber ebenso ein Land attraktiver Gelegenheiten und verlässlicher Aussichten für jene Akademikerinnen, die entschlossen und offenherzig damit umzugehen wissen.

Schwierigkeiten und Chancen sind für zugewanderte Menschen zwei Seiten derselben Medaille. Dies wird für viele umso deutlicher, wenn sie sich in Deutschland um eine Arbeitsstelle bemühen. Erst dann werden die Hindernisse, die bis Dato nur diffus im Hintergrund lauerten, offenbart und ihre Konsequenzen werden durch Bewerbungsabsagen spürbar: die Anerkennung akademischer Titel, die Sprachbarriere, die kulturellen Unterschiede in Tun und Denken, manche durch den Migrationsprozess geförderte einschränkenden Glaubenssätze etc.

Das hier Beschriebene erlebten auch fünf der Teilnehmerinnen unseres Projekts Intercultural Working LAB, das Frauenalia seit 2019 durchführt. Stellvertretend für Dutzende andere Fachkräfte, die auf der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz in Deutschland gewesen sind und die Frauenalia auf ihrem Wege begleiten durfte, gelten die Geschichten von fünf unserer Teilnehmerinnen.

Integration durch Weiterbildung: M.G., 51 Jahre alt und aus Spanien, kam ursprünglich aus der Tourismusbranche. Nach einer mehrjährigen Kinderbetreuungspause nahm sie sich vor, ihre Karriere wieder aufzunehmen. Aufgrund der wenigen Möglichkeiten, die in ihrem Bereich eine Vereinbarkeit Familie und Beruf zulassen, verlor sie die Hoffnung, in das berufliche Leben zurückkehren zu können. Während des Projekts Intercultural Working LAB fasste sie Vertrauen zu sich selbst und zu ihren Leidenschaften und Fähigkeiten und nahm die Chance wahr, eine berufliche Umorientierung zur Erzieherin in Angriff zu nehmen. Damit hatte M.G. den ersten Schritt zu einer erfolgreichen Arbeitsintegration in Deutschland getan. Heute befindet sich M.G. aktiv in einer entsprechenden Ausbildung und hat vor, nach ihrem Abschluss als Vollzeit-Festangestellte einzusteigen.

Wiedereinstieg durch Veränderung: G.H., 57 Jahre alt und aus Bolivien, kam ins Projekt Intercultural Working LAB in einer Phase, in der sie ihr Selbstvertrauen fast gänzlich eingebüßt hatte. Sie hatte 20 Jahre lang als Krankenschwester in Deutschland gearbeitet und somit wertvolle Berufserfahrung erworben. Trotzdem wollte G.H. aus ihrem Traumjob aussteigen, denn sie hatte darin zum Teil sehr schlechte Erfahrungen in Deutschland gemacht, sodass sich mittlerweile eine große Frustration bei ihr angesammelt hatte. Im Laufe der Sitzungen bei Frauenalia spürte sie wieder, wie es sich anfühlt ernst genommen zu werden, und begriff, dass die Ursachen ihrer schlechten Erfahrungen in der interkulturellen Kommunikation lagen. Nachdem sie das festgestellt hatte und merkte, dass diese erlernbar und verbesserbar ist, fasste sie neuen Mut! Heute hat G.H. eine neue bedeutsame Stelle in der Qualitätsmanagementsabteilung einer großen Pflegeeinrichtung. G.H. musste somit ihre Traumbranche nicht wechseln, sondern kann heute darin als Angestellte ihre Berufung weiter ausleben.

Kreativ werden, um Hindernisse zu überwinden: M.E., 54 Jahre alt, hatte in Kolumbien viele Jahre als Lehrerin in Grundschulen gearbeitet und wurde von den Kindern sehr geliebt. Als sie nach Deutschland zuwanderte, konnte ihr Titel hier nicht anerkannt werden und sie musste ihren Beruf aufgeben. Nach 4 Jahren in Berlin und mit einem C1 Deutsch-Niveau kam sie bei Frauenalia verzweifelt an. Bei ihr konnte man spüren, wie wichtig ihr die Arbeit in der Schule war, sie ist ihre wahre Berufung! Durch die Teilnahme am Projekt Intercultural Working LAB erhielt sie die nötigen Werkzeuge und das notwendige Empowerment, um damit zu beginnen, systematisch nach einer Alternative zu suchen. Anschließend dauerte es dann nicht mehr lange, bis M.E. einen Job bei einer Freien Schule gefunden hatte und sie dort ihren lang vermissten Beruf wieder ausüben konnte.

Von der Angestellten zur Selbständigen: L.G., 47 Jahre alt, hatte in Spanien aufgrund der dortigen Wirtschaftskrise ihr eigenes Architekturbüro schließen müssen und kam 2008 nach Berlin. Sie arbeitete dann lange Jahre als Angestellte in einem Berliner Architekturbüro, bis sie 2020 ihre Arbeit durch die COVID-Krise verlor. Sie entschied sich dafür, sich Zeit zu nehmen, um ihre berufliche Situation zu analysieren. Nach all diesen Jahren wollte sie nun eine Tätigkeit ausüben, bei der sie ihr ganzes Potenzial und ihren Stärken als Architektin entfalten könnte. L.G. nahm am Projekt Intercultural Working LAB teil und reflektierte mit Frauenalia den Weg, den sie bislang zurückgelegt hatte. So kam sie zu dem Schluss, dass sie sich selbständig machen würde, um ihr Können voll und ganz in Szene zu setzen und ihren Traum erfüllen zu können.

Mit guter Beratung stirbt die Hoffnung zuletzt: M.D., 43 Jahre alt, studierte Önologin aus Spanien, war dort jahrelang in der Weinbranche tätig und arbeitete u.a. als Leiterin eines bekannten spanischen Weinanbauunternehmens. Ihre erfolgreiche Karriere in Spanien ließ sie zurück, um mit ihren Mann mit ihrer gemeinsamen Tochter nach Berlin zu begleiten. Sie verbrachte die ersten Jahre in Deutschland damit, Kontakt mit dem Land und der Kultur aufzunehmen sowie die deutsche Sprache bis zum Niveau C1 zu lernen und dachte, sie sei dann mehr als gut für den deutschen Arbeitsmarkt ausgerüstet. Stattdessen musste M.D. aber erleben, wie ihre Bewerbungen eine nach der anderen erfolglos blieben und auch die sie unterstützende Agentur für Arbeit ihr keine qualifikationsadäquaten Angebote vermitteln konnte. M.D. hatte ihren Traum, wieder in der Weinbranche zu arbeiten, beinah aufgegeben, als sie von Frauenalia erfuhr. Sie begann ihren persönlichen Reflexionsprozess im Rahmen des Projekts Intercultural Working LAB aufgrund ihrer Bewerbungsmisserfolge eher skeptisch. Dann aber kehrte Schritt für Schritt das Selbstvertrauen und die Hoffnung bei ihr zurück, so dass sie begann, aktiv nach Alternativen zu suchen, wie sie wieder in die Welt der Weine einsteigen könnte. Heute arbeitet M.D. als Angestellte bei einer großen Weinhandlung in Berlin und hat sich als Spezialistin für spanische Weine im Geschäft etabliert.

Finden Sie nach dieser kurzen Vorstellung, dass unsere Projektteilnehmerinnen Heldinnen sind? Vielleicht nicht, aber sicher ist, dass alle bei Frauenalia gelernt haben, sich wie Heldinnen zu verhalten und selbstbewusst ihren jeweiligen Platz in der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft zu beanspruchen. Durch die im Intercultural Working LAB erhaltenen Tools, Impulse, Begleitungen und die erfahrenen Austausche konnten sie den verbleibenden Raum in ihren Rollkoffern nun mit einem zentralen Bestandteil ausfüllen: begründete Zuversicht.

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P.S.: Frauenalia gUG fördert die Diversität und die Chancengleichheit in der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft. Um das zu erreichen, setzt sich Frauenalia gUG für nach Deutschland zugewanderte Facharbeiterinnen und Akademikerinnen ein, die im deutschen Arbeitsmarkt mitwirken wollen. In Hinblick auf ihre optimale Arbeitsintegration führt Frauenalia zur Zeit die Projekte Intercultural Working LAB und Intercultural Business HUB durch. Zwei Optionen, die die Wirkungsperspektiven der Teilnehmerinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt widerspiegeln: eine feste Arbeitstelle annehmen oder ein eigenes Unternehmen gründen.

Das Projekt Intercultural Working LAB richtet sich an spanischsprachige Akademikerinnen, die sich eine geeignete berufliche Integration im Einklang mit ihren Qualifikationen und Stärken in Deutschland wünschen. Die Teilnehmerinnen definieren im Laufe des Projekts ihr eigenes Stellenprofil neu und erstellen einen Aktionsplan für ihren Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt. Das befähigt sie, sich das klare Ziel vor Augen zu führen, einen Arbeitsvertrag zu bekommen, ein eigenes Unternehmen zu gründen oder eine neue Berufskarriere zu beginnen.

Mehr Informationen über das Projekt Intercultural Working LAB und über weitere Handlungsfelder von Frauenalia finden Sie auf der Webseite: https://www.frauenalia.com/intercultural-working-lab

 

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